Warum Jugendreisen heute wichtig sind

Interview mit Peter Schuto, Vorstandsvorsitzender des Reisenetz – Fachverband für Kinder- und Jugendreisen e. V. 

Peter Schuto

Peter Schuto

Jugendreisen sind weit mehr als nur eine Auszeit vom Alltag. Sie schaffen Erfahrungsräume, in denen junge Menschen wachsen, sich ausprobieren und neue Seiten an sich entdecken. Studien und praktische Erfahrungen zeigen seit Jahren, dass Reisen einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung leisten. Sie fördern Selbstständigkeit, soziale Kompetenzen und den Blick für andere Lebenswelten. 

Im folgenden Interview erklärt Peter Schuto, der seit 2025 als Vorstandsvorsitzender des größten deutschen Fachverbands für Kinder- und Jugendreisen die Entwicklung der Branche auch gegenüber der Politik steuert, warum Jugendreisen heute wichtiger sind denn je, was sie bei jungen Menschen bewirken und weshalb sie ein wertvoller Bestandteil moderner Bildung und gesellschaftlicher Entwicklung sind.

Warum brauchen Jugendliche heute Erlebnisse wie Jugendreisen, gerade jetzt?

Peter Schuto: Wir beobachten an vielen Stellen, dass Jugendliche heute mehr funktionieren, als dass sie erleben. Der Alltag ist geprägt von Schule, Leistungsdruck, Erwartungen und ständiger Erreichbarkeit. Oft bleibt wenig Raum, um einfach einmal auszuprobieren, wer man eigentlich sein möchte. 

Eine Jugendreise schaftt genau diesen Raum. Plötzlich geht es nicht mehr um Noten, Likes oder Termine, sondern um Begegnungen, echte Erlebnisse und persönliche Erfahrungen. Jugendliche merken: Hier darf ich mich ausprobieren, ohne ständig bewertet zu werden. Und genau in diesem geschützten Umfeld beginnt Entwicklung. 

Was passiert mit den Jugendlichen, wenn sie zum ersten Mal ohne Eltern unterwegs sind?

Am Anfang ist da oft Aufregung. Vielleicht auch Unsicherheit. Doch schon nach kurzer Zeit erleben viele Jugendliche etwas Entscheidendes: Sie kommen zurecht. Sie finden ihren Weg, treffen eigene Entscheidungen und übernehmen Verantwortung für alltägliche Dinge. Wir erleben Jugendliche, die zum ersten Mal eigenständig auf Treffpunkte und Uhrzeiten achten müssen, ohne dass die Eltern den Tagesablauf vorgeben. 

Dieses Erleben stärkt Selbstvertrauen und Eigenständigkeit nachhaltig. Nicht, weil es jemand erklärt, sondern weil Jugendliche selbst erfahren: “Ich kann das!” Diese Erfahrung begleitet viele weit über die Reise hinaus.

Welche Rolle spielt denn die Gemeinschaft auf einer Jugendreise?

Die Gruppe ist das Herzstück jeder Jugendreise. Jugendliche treffen auf Menschen, die sie vorher nicht kannten. Sie begegnen einander ohne festgelegte Rollen, ohne Schulklasse und ohne Vorgeschichte. Daraus entstehen Freundschaften, gemeinsame Erinnerungen und manchmal auch Konflikte. 
Gerade darin liegt ein wichtiger Lernprozess. Jugendliche lernen zuzuhören, Kompromisse zu finden, Rücksicht zu nehmen und Verantwortung zu übernehmen. So entstehen soziale Kompetenzen auf ganz natürliche Art. Gemeinschaft wird nicht erklärt, sie wird erlebt.

Warum ist der Umgang mit Freiheit auf Jugendreisen so prägend?

Freiheit fühlt sich gut an, kann aber auch herausfordern. Auf ihrer Reise erleben Jugendliche, mit dieser Freiheit umzugehen. Sie entscheiden selbst, gestalten ihren Tag aktiv mit und erfahren gleichzeitig, wie wichtig verlässliche Regeln und klare Strukturen für ein gutes Miteinander sind.  

Daraus entsteht ein gesunder Umgang mit Freiheit: selbstbestimmt, aber nicht allein. Jugendliche lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und die Auswirkungen ihrer Entscheidungen zu verstehen. Ein wichtiges Lernfeld, das im Alltag oft zu kurz kommt. 

Welche Bedeutung haben Jugendreisen für Resilienz und mentale Gesundheit?

Jugendliche wachsen heute in einer Zeit auf, die von hohem Leistungsdruck, permanenter Vergleichbarkeit und ständiger digitaler Präsenz geprägt ist. Viele suchen nach Orten, an denen sie einfach sie selbst sein können. 

Jugendreisen bieten genau solche Erfahrungsräume. Hier zählen echte Begegnungen, gemeinsame Erlebnisse und unmittelbare Erfahrungen stärker als digitale Rückmeldungen. Jugendliche erleben Zugehörigkeit, werden Teil einer Gemeinschaft und gewinnen Abstand zum gewohnten Alltag. 

Gleichzeitig lernen sie, Herausforderungen zu bewältigen. Heimweh, ein Konflikt in der Gruppe, schlechtes Wetter oder ungeplante Veränderungen gehören manchmal dazu. Wenn Jugendliche solche Situationen meistern, stärkt das ihre Widerstandskraft und ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Diese Erfahrungen fördern Resilienz und können weit über die Reise hinaus wirken.  

Und welche Bedeutung haben Begegnungen mit anderen Kulturen und Lebenswelten?

Wenn Jugendliche andere Orte, Menschen und Lebensweisen kennenlernen, passiert oft etwas ganz sehr nachhaltiges. Vorurteile verlieren an Bedeutung. Neugier wächst und Verständnis entsteht.  

Was zuvor fremd oder ungewohnt erschien, wird durch persönliche Erfahrungen greifbar. Wer andere Lebensrealitäten erlebt, entwickelt häufig mehr Respekt für kulturelle Unterschiede und gesellschaftliche Zusammenhänge. Solche Begegnungen erweitern den Horizont und fördern eine offene, tolerante Haltung gegenüber anderen Menschen und Lebensweisen. 

Wie tragen Jugendreisen zur Wertebildung bei?

In jeder Gemeinschaft braucht es Regeln. Nicht als Selbstzweck, sondern als Grundlage für ein respektvolles Zusammenleben. Auf Jugendreisen erleben Jugendliche ganz konkret, was Fairness, Rücksichtnahme, Respekt und Mitbestimmung bedeuten. Sie erfahren: Mein eigenes Verhalten hat Auswirkungen – auf andere und auf die Gruppe. Gemeinschaft funktioniert nur, wenn alle Verantwortung übernehmen.  

So werden demokratische Werte nicht abstrakt vermittelt, sondern im täglichen Miteinander gelebt.

Jugendreisen eröffnen Erfahrungsräume, die jungen Menschen wichtige Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Sie fördern Teilhabe, Perspektivwechsel und persönliche Entwicklung und schaffen Begegnungen zwischen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen.  

Gleichzeitig stehen qualitätsorientierte Jugendreisen für pädagogische Begleitung, Sicherheit und verantwortungsvolles Handeln. Sie leisten damit einen wertvollen Beitrag zur außerschulischen Bildung und stärken Kompetenzen, die für das gesellschaftliche Zusammenleben von großer Bedeutung sind. 

Welches Fazit würdest du uns zusammenfassend mit auf den Weg geben?

Eine Jugendreise ist weit mehr als Urlaub. Sie ist ein Trainingsfeld fürs Leben. Hier verbinden sich Freiheit und Verantwortung, Erlebnis und Lernen, Gemeinschaft und persönliche Entwicklung. Jugendlichen erhalten etwas, das im Alltag oft fehlt: Zeit, Raum und Vertrauen, um zu wachsen. Deshalb sind Jugendreisen kein „Nice-to-have“, sondern ein wertvoller Baustein des Erwachsenwerdens. Sie sind eine Investition in junge Menschen und damit auch in die Zukunft unserer Gesellschaft. 

Am Ende bleibt: Wenn du Jugendlichen wirklich etwas fürs Leben mitgeben willst, dann gib ihnen die Chance, die Welt selbst zu erleben. Genau das leisten Jugendreisen.