Warum Jugendreisen heute wichtig sind
Interview mit Peter Schuto, Vorstandsvorsitzender des Reisenetz - Fachverband für Kinder- und Jugendreisen e. V.
Peter Schuto
Warum brauchen Jugendliche heute Erlebnisse wie Jugendreisen, gerade jetzt?
Peter Schuto: Viele Jugendliche funktionieren heute mehr, als dass sie erleben. Der Alltag ist vollgepackt: Schule, Erwartungen, ständige Erreichbarkeit, Vergleiche. Kaum Zeit, einfach mal zu sein.
Eine Jugendreise unterbricht genau das. Plötzlich geht es nicht um Noten, Likes oder Termine, sondern um Begegnungen, Erlebnisse und das eigene Gefühl. Jugendliche merken: Hier darf ich ausprobieren, ohne bewertet zu werden. Und genau in diesem Raum beginnt Entwicklung.
Was passiert denn mit den Jugendlichen, wenn sie zum ersten Mal ohne Eltern unterwegs sind?
Am Anfang ist da oft Aufregung. Vielleicht auch Unsicherheit. Und dann passiert etwas Entscheidendes: Sie kommen an. Finden sich zurecht und treffen Entscheidungen. Verlieren sich und finden Lösungen. Wir erleben Jugendliche, die zum ersten Mal eigenständig auf Treffpunkte und Uhrzeiten achten müssen, ohne dass die Eltern den Tagesablauf vorgeben.
Dieses Erleben stärkt das Selbstbewusstsein und die Eigenständigkeit nachhaltig. Nicht, weil es jemand erklärt, sondern weil Jugendliche spüren: Ich kann das. Diese Erfahrung bleibt, oft weit über die Reise hinaus.
Welche Rolle spielt die Gemeinschaft auf einer Jugendreise?
Die Gruppe ist das Herzstück. Jugendliche treffen auf Menschen, die sie vorher nicht kannten, ohne feste Rollen, ohne Vorgeschichte.
Hier entstehen Gespräche nachts im Zimmer oder im Zelt, gemeinsames Lachen, aber auch Reibung. Und genau darin liegt das Lernen: zuhören, Kompromisse finden, Verantwortung übernehmen.
So wachsen soziale Kompetenzen ganz natürlich. Gemeinschaft wird nicht erklärt, sie wird erlebt.
Warum ist der Umgang mit Freiheit auf Jugendreisen so prägend?
Freiheit fühlt sich gut an, kann aber auch überfordern. Auf Jugendreisen lernen Jugendliche, mit dieser Freiheit umzugehen. Sie entscheiden selbst, gestalten ihren Tag mit und erleben gleichzeitig klare Regeln und verlässliche Strukturen. Das schafft Sicherheit. So entsteht ein gesunder Umgang mit Freiheit: selbstbestimmt, aber nicht allein. Ein Lernfeld, das im Alltag oft fehlt.
Und welche Bedeutung haben Begegnungen mit anderen Kulturen und Lebenswelten?
Wenn Jugendliche andere Orte, Menschen und Lebensweisen kennenlernen, passiert etwas ganz leise, aber sehr nachhaltig. Vorurteile verlieren an Bedeutung. Neugier wächst. Respekt entsteht. Was vorher „anders“ war, wird menschlich. Diese Erfahrungen prägen den Blick auf die Welt – offen, interessiert und tolerant. Wenn ich am Mittelmeer 40 Grad im Schatten erlebe, ohne dass Mutti die Klimaanlage anstellt, mache ich nachher keine Witze mehr zum Beispiel über die ausgedehnte Siesta in Spanien.
Wie tragen Jugendreisen zur Wertebildung bei?
In einer Gemeinschaft gelten Regeln. Nicht als Vorschrift, sondern als Grundlage für ein gutes Miteinander. Jugendliche erleben Fairness, Rücksicht und Mitbestimmung ganz konkret. Sie merken: Mein Verhalten hat Auswirkungen – auf andere und auf die Gruppe. So werden demokratische Werte nicht diskutiert, sondern gelebt.
Warum sind Jugendreisen auch gesellschaftlich relevant?
Jugendreisen eröffnen Erfahrungsräume, die nicht allen Jugendlichen selbstverständlich zur Verfügung stehen. Sie fördern Teilhabe, Perspektivwechsel und persönliche Entwicklung, unabhängig vom sozialen Hintergrund. Gleichzeitig stehen sie für pädagogische Qualität, Sicherheit und Nachhaltigkeit. Das macht sie zu einem verantwortungsvollen Bestandteil moderner Jugendbildung.
Welches Fazit würdest du uns zusammenfassend mit auf den Weg geben?
Eine Jugendreise ist ein Trainingsfeld fürs Leben. Hier verbinden sich Freiheit und Verantwortung, Erlebnis und Lernen, Gemeinschaft und persönliche Entwicklung. Jugendreisen geben Jugendlichen etwas, das im Alltag oft fehlt: Zeit, Raum und Vertrauen, um zu wachsen. Genau deshalb sind Jugendreisen nicht „nice to have“, sondern ein wertvoller Baustein fürs Erwachsenwerden. Sie sind eine Investition in junge Menschen – und damit in unsere gemeinsame Zukunft.